Menschen für Andere

„Lebt so, dass man euch nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ In vielen Regionen unserer Welt leben Jesuiten mit den Armen, teilen ihre Not und helfen ihnen, eine bessere Zukunft aufzubauen. Aus dem Glauben heraus setzen sie sich für die Menschen ein – unabhängig von Religion, Kultur, Herkunft.

Bei dem Begriff „Mission“ mag der eine oder die andere unwillkürlich zusammenzucken und an Zwangstaufen oder Kreuzzüge denken. Die Jesuitenmission als ein Werk des Ordens steht in einer langen Tradition der Glaubensver­kündigung. Wie sich das Missionsverständnis der Jesuiten im Laufe der Zeit gewandelt hat und was Mission heute bedeutet, erklärt unser Mitarbeiter und Missionswissenschaftler P. Ludwig Wiedenmann SJ.

Die Sendung des Jesuitenordens

Der Jesuitenorden war von Anfang an ein Missionsorden. Entsprechend dem Grundimpuls des hl. Ignatius, aus Liebe zu Christus „den Seelen – in Wort und Tat – zu helfen“, verpflichteten sich schon die ersten Jesuiten im Gründungs­dokument des Ordens, der sog. „Formula Instituti“, ohne Ausflüchte überall hinzugehen, wohin der Papst sie zur Ausbreitung des Glaubens schicken würde, „ob zu den Türken oder auch zu anderen Ungläubigen, sogar in die Gegenden, die man Indien nennt.“

Ungeahnte Begeisterung

Bereits ein halbes Jahr vor der ersten Bestätigung des Ordens durch den Papst 1540 machte sich einer der Gründungsväter, der hl. Franz Xaver, auf den Weg nach Indien, um von dort aus in ganz Asien zu missionieren. Seine Briefe und Berichte weckten unter den jungen Jesuiten eine ungeahnte Begeisterung, und schon bald war die Gesellschaft Jesu der größte Missions­orden der Kirche. Der Orden wuchs nicht nur geographisch in die neu entdeckten Erdteile hinein, er entwickelte auch eine neue Art und Weise zu missionieren. Man wollte nicht nur einzelne Menschen bekehren, sondern die Kirche in die Kultur und Gesellschafts­ordnung der neuen Völker hinein pflanzen. China, Indien und Paraguay sind die hervor­stechenden Beispiele dafür. So sehr war die Gesellschaft Jesu Träger der katholischen Weltmission geworden, dass diese fast völlig zusammenbrach, als der Orden 1773 aufgelöst wurde, und erst nach der Wiederherstellung des Ordens im 19. Jahrhundert einen neuen Aufschwung nahm.

Internationale Zusammenarbeit

Von den insgesamt 17.637 Jesuiten lebten und wirkten Anfang 2012 in Asien 5.685 Jesuiten, 4.036 davon allein auf dem indischen Subkontinent, in Afrika 1.485, in Lateinamerika und der Karibik 2.572 Jesuiten. Die meisten davon stammen aus den Ländern selbst, nur ein geringer Teil sind noch auswärtige Missionare. Allein aus dieser Tatsache lässt sich ein Wandel in der Ausrichtung des Ordens erkennen. Die Jesuiten aus den früheren sogenannten Missionsgebieten sind nun die Erstzuständigen für die Evangelisierung ihrer Völker. Die Jesuitenmissionare aus anderen Ländern und Kontinenten kommen als ihre Mitarbeiter. Die Jesuitenmission hat daher heute die Form internationaler Zusammenarbeit angenommen. Und dies gilt nicht nur für die ehemaligen „Missionskontinente“, sondern auch für die immer dringlicher werdende Mission in Europa, an der auch Jesuiten aus anderen Kontinenten mitwirken.

Wachstum des Reiches Gottes

Auch inhaltlich hat sich das Missionsverständnis des Ordens gewandelt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam über das Seelenheil des einzelnen und über das Wachstum der Kirche hinaus immer mehr die heile oder unheile Zukunft der Menschheit, das Wachstum des Reiches Gottes in der Welt in den Blick. Nicht so sehr das Missionsdekret „Ad gentes“, sondern die Pastoral­konstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute stellte sich als das eigentliche Missions­dokument des Konzils heraus.

Theologie der Befreiung

Im Anschluss daran gab es päpstliche Schreiben zur Entwicklung, zum Frieden, zur Gerechtigkeit in der Welt. Nicht nur Einzelsünden, sondern „sündige Strukturen“ wurden angeklagt. Wirtschaftsfragen, Handelsbeziehungen und der Umweltschutz wurden bedeutsam für das Reich Gottes. Die Theologie der Befreiung wurde zum Sammel­becken dieser Ideen. Jesuitentheologen in Lateinamerika, aber auch in Asien waren wesentlich an der Erarbeitung dieser Theologie beteiligt. Als der Orden in dieser Zeit des Umbruchs nach dem Zweiten Vatikanum daran ging, seinen Standort und seine Wirksamkeit zu überprüfen, spielten selbstverständlich diese neuen Impulse eine entscheidende Rolle. Sie prägten auch die Generalkongregationen des Ordens, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil statt­fanden, erst noch zögerlich (31. GK 1965/66), ein knappes Jahrzehnt später (32. GK 1974/75) mit voller Kraft.

Glaube und Gerechtigkeit

Das berühmte Dekret 4 dieser 32. Generalkongregation, d.h. des obersten gesetz­gebenden Gremiums des Ordens, beschreibt die Sendung der Jesuiten mit einer neuen Kurzformel als „Dienst am Glauben und Einsatz für die Gerechtigkeit“, und zwar so, dass der Einsatz für die Gerechtigkeit unlösbar mit dem Dienst am Glauben verbunden ist. Das heißt, jeder Jesuit war nun eingebunden in einen Auftrag, nicht nur einzelnen Menschen zu helfen, sondern darüber hinaus auch ungerechte gesell­schaft­liche Strukturen zu bekämpfen. Die Zeit vor und nach dieser 32. General­kongregation seit der Gründung des Ordens war eine Zeit voller Unruhe und heftiger Konflikte innerhalb des Ordens, aber auch mit der römischen Kurie und sogar mit dem Papst. Der Orden nahm damit in vorderster Linie teil an den Umbrüchen in der Kirche, die zu einer neuen Verhältnisbestimmung zwischen Kirche, Welt und Reich Gottes führten. Die darauf folgende 33. Generalkongregation (1983) bestätigte die grundsätzliche Option des Ordens für Glauben und Gerechtigkeit, versuchte aber zugleich einige Missverständ­nisse zu klären, bis es schließlich der 34. Generalkongregation (1995) 30 Jahre nach dem Konzil gelang, die Formel „Glaube und Gerechtigkeit“ um einige wesentliche Aspekte zu ergänzen und zu einer neuen Synthese zu finden.

Gelebter Glaube

Das grundlegende Dekret dieser Kongregation mit dem Titel „Diener der Sendung Christi“ stellt fest, „dass unsere Sendung des Dienstes am Glauben und der Förderung der Gerechtigkeit erweitert werden muss, so dass sie die Verkündigung der Frohen Botschaft, den Dialog und die Evangelisierung der Kultur als wesentliche Dimensionen mit einschließt“. In drei weiteren Dekreten wird der Einsatz der Jesuiten für die Gerechtigkeit, die Inkulturation und den interreligiösen Dialog entfaltet und ihr Zusammenhang mit dem Dienst am Glauben begründet. Der Einsatz für die Gerechtigkeit wird als gelebter Glaube, als Glaubensverkündigung durch die Tat verstanden. Diese Rückbindung an den Glauben, an das Evangelium, an das Reich Gottes ist wesentlich. Zugleich kommen neue Bereiche dieses Einsatzes in den Blick: über die „strukturellen Veränderungen in der sozio-ökonomischen und politischen Ordnung“ hinaus der Einsatz für die Menschenrechte, für menschenwürdige internationale Beziehungen im Rahmen der „Globalisierung der Welt“, für das menschliche Leben „von seinem Beginn bis zu seinem natürlichen Ende“, für die Umwelt und die sinnvolle Nutzung der weltweiten Ressourcen, für die Entwicklung „solidarischer Gemeinschaften an der Basis“. Ziel ist ein menschen­würdiges Leben, das dem Willen Gottes entspricht, und zwar in allen, immer mehr voneinander abhängigen Regionen unserer Welt.

Inkulturation

Die äußeren – gerechten oder ungerechten – Lebensverhältnisse der Menschen sind Teil der Kulturen, in denen sie leben. Sie entsprin­gen tieferen Werten, und ihre Veränderung wirkt auf diese Werte zurück. Soll der christliche Glaube dabei eine Rolle spielen, muss er tiefer in die Kulturen der Völker eindringen – ein Prozess, den man heute Inkul­turation nennt, „wobei das Evangelium etwas Neues in die Kultur einbringt und diese etwas Neues zum Reichtum des Evangeliums beiträgt.“ Die 34. Generalkongregation spricht in diesem Zusammen­hang nicht nur von den alten Kulturen Asiens und Afrikas, sondern auch ausführlich von der „kritischen postmodernen Kultur“ und ihrem wachsenden Einfluss in der ganzen Welt. Sie wird zum Teil gekenn­zeichnet als der Versuch, „den religiösen Glauben in die private und persönliche Sphäre abzudrängen“, da „weder der christliche Glaube noch sonst irgendeine religiöse Überzeugung von Nutzen sei für die Menschheit“. Entscheidend für die Begegnung mit dieser Spielart von Kultur, in der vielfach noch eine nichtreligiöse, „menschliche Spiritualität“ gelebt wird, ist das Gottes- und Christusbild, das wir bezeugen und vermitteln. Der partnerschaftliche Dialog kann dann helfen, „die Grenzen reiner Immanenz und die menschliche Verwiesenheit auf Transzendenz zu entdecken“. Zugleich muss dabei deutlich gemacht werden, „dass die strukturelle Ungerechtigkeit der Welt ihre Wurzel in Wertsystemen hat, die von einer mächtigen modernen Kultur vorangetrieben werden, die gegenwärtig weltweit an Einfluss gewinnt“. Als weltweite Gemein­schaft sieht der Jesuitenorden in dieser Auseinandersetzung mit der „postmodernen Kultur“ eine besondere Aufgabe.

Dialog mit den Religionen

Die tiefste Schicht einer Kultur ist die Religion oder zumindest die Frage nach der Transzendenz. Zum jesuitischen Dienst am Glauben der Menschen gehört deshalb notwendig auch der interreligiöse Dialog. Im Anschluss an ein vatikanisches Dokument beschreibt die 34. Generalkongregation diesen Dialog als Dialog des Lebens, der Tat, der religiösen Erfahrung und des theologischen Austausches. Er ist „unsere Mitarbeit in Gottes andauerndem Dialog mit der Menschheit“ und dient der Zusammenarbeit für die Schaffung einer menschlicheren Welt. Konkret werden die Aufgaben des Dialogs mit dem jüdischen Volk, mit dem Islam, dem Hinduismus und dem Buddhismus beschrieben. In besonderer Weise wird den Jesuiten in Jerusalem empfohlen, zu untersuchen, ob sie nicht „in Abstimmung mit anderen christlichen Zentren in Jerusalem Projekte für den interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen entwickeln“ können. Ein eigener Abschnitt des Dokuments befasst sich mit dem „Phänomen des religiösen Fundamentalismus, das in allen Religionen einschließlich des Christentums vorkommt“. Es wird erklärt als eine Vielzahl von „Erweckungsbewegungen“, die entstanden sind aus dem Wunsch, gegenüber der Unterdrückung durch eine andere Religion oder dem Ansturm der modernen säkularen Kultur zu den eigenen religiösen Fundamenten zurückzukehren. Auch die Manipulation religiöser Strukturen und Gefühle durch bestimmte Herrschaftsgruppen spielt dabei eine nicht unbedeutende Rolle. Für den Umgang mit diesen Bewegungen ist es wichtig, „sich über ihre legitimen Anliegen und verletzten Gefühle klar zu werden“. Und von den Jesuiten wird die Bereitschaft „zum Eingeständnis unserer eigenen früheren intoleranten Einstellungen und Ungerechtigkeiten anderen gegenüber“ verlangt. Nur dann ist ein Weg zum Dialog und zur Versöhnung auch mit diesen Bewegungen möglich. Abschließend weist das Dekret über den interreligiösen Dialog noch einmal darauf hin, dass die Jesuiten in einer vom Pluralismus gekennzeichneten Welt eine besondere Verantwortung haben, den interreligiösen Dialog zu fördern. „Die Kultur des Dialogs sollte ein bezeichnendes Merkmal unserer Gesellschaft werden, die in die ganze Welt gesandt ist, um für die größere Ehre Gottes und das Heil der Menschen zu arbeiten.“

Bevorzugung der Armen

Zum Schluss ist noch die durchlaufende Perspektive hervorzuheben, die sich in allen neueren Dokumenten über die Sendung des Ordens findet. Es ist die Bevorzugung der Armen. „Wir sind eine Gemein­schaft in Solidarität mit den Armen, weil Christus sie bevorzugt liebt.“ So lautet ein Schlüsseltext im Dekret „Diener der Sendung Christi“. Verkündi­gung des Evangeliums, Inkulturation und inter­religiöser Dialog sind in erster Linie auf die Befreiung der Armen auszurichten. Denn „erdrü­ckende Armut bringt systematische Gewalt gegen die Würde von Männern, Frauen, Kindern und Ungeborenen hervor, die in dem von Gott gewollten Reich nicht zugelas­sen werden darf“. Damit sind wir wieder beim Urimpuls des hl. Ignatius und bei den Anfängen der Gesellschaft Jesu. Die 34. General­kongregation hat nur ausformuliert, was es unter den Bedingun­gen der heutigen Welt, bei den heutigen Möglichkeiten und mit einem neuen Verständnis vom Wirken Gottes in der Geschichte heißt, „den Menschen in Christus zu helfen“, nach dem Willen Gottes in Würde zu leben und so ihre zeitliche und ewige Bestimmung zu finden.

An die Grenzen gesandt

Die 35. bisher letzte Generalkongregation 2008, die P. Adolfo Nicolás aus einer langjährigen Tätigkeit in Ostasien zum neuen Generaloberen wählte, hat in ihrem Dekret „Heutige Herausforderungen für unsere Sendung – An die Grenzen gesandt“ vor allem den Kontext der Globalisierung betont und fünf globale Prioritäten für den Orden beschrieben: den Einsatz in Afrika, in China und in den römischen Einrichtungen des Ordens, das „intellektuelle Apostolat“, d.h. die geistige Auseinandersetzung mit den Strömungen der Zeit, und schließlich den Dienst an den Flüchtlingen im Rahmen weltweiter Migration. „In diesem globalen Kontext“, stellt das Dekret abschließend fest, „ist es wichtig, das außer­ordentliche Potential zu betonen, das in unserer Eigenschaft als internationaler und interkultureller Leib liegt. In Entsprechung dazu zu handeln, kann nicht nur die apostolische Wirksamkeit unserer Arbeit steigern, sondern kann in unserer zerstückelten und geteilten Welt Zeugnis geben für die Versöhnung aller Kinder Gottes in Solidarität.“


Der Autor:
P. Dr. Ludwig Wiedenmann SJ,
Missionswissenschaftler und
Mitarbeiter der Jesuitenmission

Mission

Mission heißt aufbrechen,
sich auf den Weg machen,
alles hinter sich lassen,
die Kruste des Egoismus zerbrechen, die uns in unser Ich einsperrt.

Mission heißt aufhören
sich um sich selbst zu drehen, als wären wir allein der Mittelpunkt der Welt und
des Lebens.

Mission heißt sich nicht einschließen in die Probleme der kleinen Welt, zu der wir gehören. Die Menschheit ist
viel größer.

Mission heißt immer aufbrechen, aber nicht Kilometer fressen.

Mission heißt vor allem sich öffnen für die anderen als Geschwister, sie finden und ihnen begegnen.

Und wenn es nötig ist, um sie zu finden und zu lieben, die Meere zu durchkreuzen und durch die Lüfte fliegen, dann ist Mission aufbrechen bis an die Grenzen der Erde.

Dom Helder Camara

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