Mehr als „etwas tun“

Vier Universelle Apostolische Präferenzen (kurz UAPs) sollen den Jesuitenorden und seine Werke transformieren: persönlich, gemeinschaftlich und institutionell. Es geht um die Schwerpunkte, die die Arbeit in den nächsten Jahren haben soll. Bis 2029 sollen uns die UAPs begleiten und in unserer Sendung vereinen. 

Zwei Jahre lange haben wir Jesuiten gebetet, nachgedacht und diskutiert. Es ging darum, welche Schwerpunkte sich der Jesuiten­orden und seine Werke in den nächsten Jahren setzen wollte. Herausgekommen sind vier sogenannte „Universelle Apostolische Präferenzen“ (Universal Apostolic Preferences), kurz UAPs. Sie sollen uns bis 2029 begleiten und in unserer Sendung vereinen. Pater Arturo Sosa, der Generalobere der Jesuiten, drückt es so aus: „Wir wollten die beste Weise für das Zusammenarbeiten in der Sendung des Herrn finden, die am besten für den Dienst der Kirche in diesem Moment passt und die wir am besten realisieren können mit dem, was wir sind und haben, indem wir das zu tun suchen, was von größerem Dienst für Gott und das Gemeinwohl ist.“

Welche sind nun diese vier Präferenzen?

  • 1. Ein Weg zu Gott: Durch Unterscheidung und Geistliche Übungen Gott finden helfen.
  • 2. An der Seite der Benachteiligten: Gemeinsam mit den Armen, den Verworfenen der Welt, den in ihrer Würde Verletzten auf dem Weg sein, gesandt zu Versöhnung und Gerechtigkeit.
  • 3. Mit jungen Menschen: Jugendliche und junge Erwachsene bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft begleiten.
  • 4. Für die Schöpfung: In der Sorge für das Gemeinsame Haus zusammenarbeiten

Eine gemeinsame Perspektive

Diese vier Präferenzen sind in einem gemeinschaftlichen Unterscheidungsprozess entstanden, nicht durch ein Komitee von Experten. Jeder hat sich Gedanken gemacht und diese in der Kommunität oder in seiner jesuitischen Einrichtung mit anderen diskutiert. Die Ergebnisse wurden an die Leitungen der Provinz weitergeleitet, anschließend auf der Ebene der weltweit sechs Provinzialskonferenzen zusammengefasst und der Ordensleitung in Rom übergeben. Die Übereinstimmungen der Rückmeldungen aus den verschiedenen Kontinenten waren erstaunlich, schreibt Pater Sosa in seinem erklärenden Brief. Im Ergebnis sind die UAPs einfache und stimmige Sätze, keine Schlagwörter wie Gerechtigkeit oder Ökologie. Verben stehen im Vordergrund: Den Willen Gottes suchen und mit den Armen gehen, die Jugend begleiten und in der Sorge für unser gemeinsames Haus zusammenarbeiten.

Fantasie beflügeln, Sehnsüchte wecken

Die UAPs sind universell, nicht regional oder auf bestimmte Bereiche wie Soziales, Bildung oder Seelsorge beschränkt. Sie gelten für den gesamten Orden weltweit, betreffen all unsere apostolischen Arbeiten und Werke, geben Orientierung in all unseren Diensten. Die Herausforderung besteht darin, diese vier Präferenzen in jeder Mission, in der wir tätig sind, zu integrieren. Pater Sosa betont, dass die UAPs keine Prioritäten sind. „Eine Priorität ist etwas, das als wichtiger angesehen wird als etwas anderes; eine Präferenz ist eine Orientierung, ein Wegweiser, ein Ruf.“ Die UAPs sind Bezugspunkt und Horizont, sollen unsere Fantasie beflügeln und unsere Sehnsüchte wecken.

UAPs: Nichts zum Abhaken

An dieser Stelle kann ich nun einige Beispiele aufzählen, wie jesuitenweltweit in Österreich und Deutschland diese Präferenzen seit vielen Jahren umsetzt. An der Seite der Benachteiligten: Wir finanzieren die Arbeit des Jesuiten-Flücht­lings­dienst im Nahen Osten, in Zentralafrika und im Südsudan, in Griechenland und in Kroatien. Wir helfen den durch Corona gestrandeten Wanderarbeitern in Indien und fördern Kinder mit Behinderungen in Ägypten. Wir helfen, die kulturelle Identität der indigenen Bevölkerung im Nordosten Indiens, im Amazonas und in Paraguay zu bewahren. Mit jungen Menschen: Wir bauen Schulen, bezahlen Lehrer und geben Stipendien in Indien, Kambodscha und Simbabwe. Wir unterstützen die weltweite Bildungsbewegung für arme Kinder und Jugendliche von Fe y Alegría und die universitäre Bildung für Menschen am Rand durch Jesuit Worldwide Learning.

Für die Schöpfung: Wir investieren in nachhaltige Landwirtschaft in Sambia und helfen bei der Wiederaufforstung in Indien, Haiti und Kambodscha. Wir geben Zuschüsse für alternative Energiesysteme auf Missionsstationen in Simbabwe und unterstützen die Anschaffung von holzsparenden Keramiköfen in Sambia. Ein Weg zu Gott: Wir finanzieren den Bau von Kirchen und Gemeindezentren auf der ganzen Welt. Wir kommen für die Ausbildung von Katecheten, Ordensschwestern und Priestern in allen unseren Partnerländern auf. Wir unterstützen beginnende Missionen in Kohima, Indien und Laos, beschaffen Autos für pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Asien, Latein­amerika und Afrika und übernehmen die Kosten für Exerzitien für arme Menschen in China, Vietnam und Indonesien. In Nürnberg und Wien könnten wir uns also zurücklehnen und sagen: UAPs? Abgehakt! Die Universellen Apostolischen Präferenzen sind aber gerade nicht etwas, was man abhaken kann, keine Liste von Anforderungen, die man erfüllen muss. Es genügt nicht, dass wir unser Projektportfolio auf die vier UAPs überprüfen und hier und da Anpassungen vornehmen. Das ist wichtig, trifft aber den Kern der UAPs nicht wirklich.

Einladung zur Umkehr

Die UAPs sollen zuallererst uns selbst und unseren Orden verändern. Sie gehen über das „etwas tun“ hinaus. Sie sollen eine Transformation bewirken. In der Sprache der Kirche nennen wir es Umkehr – persönlich, gemeinschaftlich und institutionell. Sie weisen uns auf Orte hin, wo wir etwas lernen können, wo wir Gottes Wort hören können und es uns verändert. Dabei sind nicht mehr wir die „Macher“, die stabsplanmäßig die Dinge angehen, Lösungen überlegen und umsetzen. Ein solches Vorgehen war lange Zeit Praxis – mit mehr oder weniger Erfolg. Zum Beispiel forderte Papst Paul VI. die Jesuiten auf, den Atheismus zu erforschen und zu bekämpfen. Die Jesuiten sollten „den guten Kampf kämpfen und alle notwendigen Pläne für einen gut organisierten und erfolgreichen Feldzug machen“. Der heilige Erzengel Michael sollte Garant für den Sieg sein. Die Zeiten haben sich geändert. Heute fordert der Papst uns auf, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, um die großen Herausforderungen der heutigen Menschheit gemeinsam zu bewältigen.

Neue Wege mitgehen

Die UAPs sprechen vom Suchen, Mitgehen, Begleiten und Zusammenarbeiten. Was das bedeutet, macht mir die Begegnung mit den Freiwilligen deutlich, die wir jedes Jahr von Deutschland und Österreich in die Welt senden. Diese Freiwilligen sind motiviert, versuchen nachhaltig zu leben und setzen sich für die Gerechtigkeit ein. Auch ich war engagiert in ihrem Alter vor gut 40 Jahren, als diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch lange nicht geboren waren. In den 1970er und 1980er Jahren zeigte ich mich solidarisch mit den Sandinisten in Nicaragua, protestierte gegen die Startbahn-West in Frankfurt und demonstrierte bei den Ostermärschen für Frieden und gegen den Nato-Doppelbeschluss. Die Methoden und Anliegen von damals sind nicht mehr die der Freiwilligen von heute. Allein die digitale Kultur, in der sie aufgewachsen sind, hat vieles verändert. Ich muss ihnen den Raum geben, ihre Projekte und Visionen zu verwirklichen. Ich kann mitgehen, sie begleiten, ihnen zuarbeiten.

Glaubwürdig sein als Herausforderung

An der Seite der Benachteiligten zu sein, verlangt von uns, auf der einen Seite, gründlich die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Prozesse zu verstehen, die so viel Ungerechtigkeit hervorbringen, und an der Entwicklung alternativer Modelle mitzuwirken. Auf der anderen Seite bedeutet es aber auch, mit den Armen, mit den Verworfenen dieser Welt, mit den in ihrer Würde Verletzten unterwegs zu sein, wie es Pater Sosa beschreibt. Das heißt Nähe und ein Lebensstil, der unsere Begleitung glaubwürdig macht. Während meiner zwölf Jahre in Venezuela ist mir dies leichter gefallen, hier in Deutschland ist es eine Herausforderung. Im Kontext unserer Arbeit bei jesuitenweltweit bedeutet dies, auf unsere Projektpartner zu hören, gemeinsam die Hilfe zu entwickeln und nicht der Versuchung anheimzufallen, aufgrund unserer finanziellen Kapazitäten Macht über unsere Partner auszuüben.

Ich möchte schließen mit einem Zitat des englischen Jesuiten Pater Philip Endean, Professor für Spiritualität am Centre Sèvres, dem Ausbildungszentrum der Jesuiten für Philosophie und Theologie in Paris: „Wir sind dazu gekommen, uns weniger als perfekte Werkzeuge in der göttlichen Hand zu sehen, die von außen handeln und eine gute religiöse und soziale Ordnung aufrechterhalten, sondern mehr als Teilnehmer von innen, als Menschen, deren Engagement für andere ein Mittel zu unserer eigenen Bekehrung ist. Der Schatz bleibt aber in irdenen Gefäßen. Es ist klarer geworden, dass die überwältigende Kraft nicht von uns, sondern von Gott kommt.“

Klaus Väthröder SJ

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