Flucht. Dimension eines Dramas

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Auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Europa ertrinken tausende Menschen im Mittelmeer. Es ist längst zum Massengrab geworden. Ein unerträglicher Gedanke. Krieg und Terror schlagen Millionen in die Flucht, und in manchen Teilen der Welt sind Menschen nur deshalb der Verfolgung ausgesetzt, weil sie Christen sind. Asyl und Hilfe für Flüchtlinge in Not sind zur vordringlichen Christenpflicht geworden. Aber wie damit umgehen in einem politischen Klima, das die Asylwerber vor allem als Bedrohung wahrnimmt und nur das Sinken ihrer Anzahl als Erfolg wertet? Die Fachtagung Weltkirche „Flucht. Dimensionen eines Dramas“ lud letztes Wochenende im Stift Lambach ein, um das Thema der Flüchtlinge in aller Welt unter die Lupe zu nehmen.

 

Hier kommen Sie direkt auf die Seite der Fachtagung mit allen Berichten und der Abschlusserklärung.

 

RECHTSLAGE

Begonnen wurde diese Fachtagung mit hochbrisantem Thema durch ein Referat von Mag.a Angela Brandstätter, die anhand akkurater statistischer Zahlen ein Bild der rechtlichen Lage in Österreich darbot. 43,3 Mio. Flüchtlinge weltweit, die durch Krieg, Konflikte und Verfolgung in ein anderes Land und binnenländische fliehen müssen. 15,2 Mio. Menschen leben heute als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes, 6,6 Mio. Menschen sind staatenlos. Unter den Gastländern für Flüchtlinge rangiert an erster Stelle Pakistan, gefolgt von Iran und Syrien. 1 Mio. Asylanträge gibt es weltweit, davon sind 47% von Frauen. Im Jahre 1951 wurde durch die Genfer Flüchtlingskonvention festgelegt, was unter verfolgten Flüchtlingen verstanden wird, und zwar Menschen, die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, sozialer Gruppe und politischer Einstellung verfolgt werden. Flüchtlinge sind nicht gleich Flüchtlinge, darunter gibt es Asylbewerber (Asylsuchende), Asylberechtigte und somit anerkannte Flüchtlinge, subsidiäre Schutzberechtigte, Migranten und Rückkehrer. In Österreich haben nicht alle das Einreiserecht, es besteht Gebietsbeschränkung, keinen Zugang zu Rechtsbeistand, Schubhaft, Einschränkungen der Verfahrensrechte und keinen Zugang zu VwGH. Der Rechtsstaat Österreich bietet somit keine Rechte für Flüchtlinge.

 

SCHUBHAFT

Die Fachtagung wurde durch einen sehr interessanten Beitrag von Fr. Maria-Regina Strugholtz, Schubhaftseelsorgerin, über Schubhaft in Österreich fortgesetzt. Ein Erfahrungsbericht über die schwierigen Zustände in der Schubhaft.

 

SÜDSUDAN

Das Referat von Sr. Petra Bigge SSpS, Freiwillige von JRS (Jesuit Refugee Service) führte die Teilnehmer nach Südsudan, in ein Land, das durch die Erdölpolitik in ständigem Konflikt steht und keinen Frieden erlangt. Letztes Jahr fanden in Sudan die Wahlen statt, nächstes Jahr soll ein Referendum sein, aber keiner weiß, ob es stattfinden wird. Die Hauptstadt von Sudan, Khartum, befindet sich im Norden, aber die Ölvorkommnisse sind im Süden. Die Sudanesische Regierung stimmte im Friedensabkommen von 2005 zu, dieser Region Autonomie zu gewähren. 2011 soll ein Referendum in Südsudan stattfinden, welches über dessen Unabhängigkeit entscheiden soll. Die 1987 gegründete LRA (Lord Resistence Armey) verbreitet zudem durch Terroranschläge Angst im ganzen Südsudan, hauptsächlich an den Grenzen zu Norduganda und Ostkongo. 12.000 Kinder wurden durch die LRA schon entführt und es scheint kein Ende zu nehmen. 85% der Südsudanesen sind Analphabeten und nur 25% der Kinder besuchen die Grundschule und nur 6% der Lehrer sind hierfür ausgebildet. Weniger als 25% der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Wasser. Die Sterblichkeitsrate für Kinder im Alter bis zu 5 Jahren beträgt fast 25%. Nur 30-40% der Bevölkerung leben innerhalb eines Tagesmarsches zu einem Gesundheitszentrum. Es kommt immer wieder zu interethnischen Zusammenstößen und Konflikten. Zwischen 2006 und 2008 kam es zur Rückführung der sudanesischen Flüchtlinge aus dem Kongo und aus Uganda. 2009 kamen Flüchtlingsströme mit 7.000 Flüchtlingen in die Diözese Yei. Dies war auch für JRS eine wahre Herausforderung.

 

INDIEN

Es folgte der Beitrag vom Erzbischof Raphael Cheenath aus Indien, der von der Christenverfolgung in Kandhamal/Indien berichtete. Im August und September 2008 wurden mehr als 450 Dörfer im Kandhamal Distrikt im Bundesstaat Orissa angezündet, mehr als 5.600 Häuser niedergebrannt, beinahe 300 große und kleine katholische und evangelische Kirchen und Gebetstätten komplett zerstört. In einem Akt ethnischer Säuberung wurden Christen aus mehr als 450 Dörfern vertrieben und es wurde ihnen gesagt, sie dürften nie mehr zurückkehren, außer sie hätten sich zum Hinduismus bekehrt. Die Zahl der Todesopfer blieb unter hundert, weil alle Christen in dichten tropischen Wäldern Sicherheit suchten, die sie gut kannten. Währenddessen wurden mehrere Frauen, gefesselt und von Gruppen von Männern vergewaltigt. Schätzungen, die später von NGOs bestätigt wurden, besagen, dass ungefähr 54.000 Leute in den Wald flohen. Von ihnen wurden nach und nach 25.000 in 18 Flüchtlingscamps der Regierung gebracht, die von Polizeikräften bewacht wurden, aber die Zustände in den Lagern waren erbärmlich. Als die Flüchtlinge 2009 wieder in ihre Dörfer zurückkehren wollten, wurde ihnen gesagt, dass sie diese nicht betreten dürften, wenn sie nicht Hindus würden. „Es gibt keine Würde, wenn Menschen bei der Rückkehr in ihre Heimat gesagt wird, sie müssten ihre Religion aufgeben und Hindus werden“, so der Erzbischof. Die Polizeikräfte zeigte sich dermaßen unberührt, dass die Überzeugung besteht, dass sie den Angriff nicht verhindern sollten. Die Polizei traf keine vorbeugenden Maßnahmen. Heute werden die 2400 Häuser wieder aufgebaut, Frauen und Jugendliche werden psychologisch betreut, die Bildung wird wieder angekurbelt, aber es ist ein langer Weg hin zur Stabilisierung dieser Opfer.

 

FESTUNG EUROPA

Am darauffolgenden Tag fand das Referat von Elias Bierdel statt. Er berichtete mit beeindruckenden Bildern und Erfahrungsbeständen über das Schiff Cap Anamur und die beängstigende Lage von Flüchtligen auf hoher See. An den Außengrenzen der Europäischen Union finden immer mehr Menschen auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben den Tod. Sie fliehen vor der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch Kriege, Umweltkatastrophen, ungerechte Wirtschafts- und Handelsbedingungen und sie fliehen vor den gewalttätigen und diskriminierenden gesellschaftlichen Verhältnissen in ihren Herkunftsländern. Die EU-Kommission setzt ebenso wie die meisten nationalen Regierungen ungeachtet tausender Opfer weiterhin vor allem auf die nach militärischen Prinzipien organisierte Abschottung gegen Flüchtlinge und MigrantInnen: Unter Führung der EU-Agentur „Frontex“ ist eine ganze Armee aus Militär, Polizei und Grenzschutz mit modernstem Kriegsgerät damit beschäftigt, Menschen am Grenzübertritt zu hindern. Besonders dramatisch ist die Lage im Süden der EU, wo Mittelmeer und Atlantik die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Afrika bilden. Tausende Flüchtlinge und MigrantInnen versuchen in kleinen, seeuntüchtigen Booten die gefährliche Überfahrt – wie viele von ihnen auf dem Meer ertrinken, verdursten oder Opfer von Gewalttaten werden, kann nur geschätzt werden. Allein die spanischen Behörden gehen davon aus, dass im Jahr 2006 und nur vor den Kanaren rund 6000 Menschen gestorben sind. Flüchtlingsorganisationen befürchten, dass jede/r Zweite auf den Routen von Afrika über das offene Meer nach Europa ums Leben kommt.

Sehen Sie auch http://www.borderline-europe.de/index.php

 

DENN IHR SEID «EINER» IN CHRISTUS JESUS

P. Franz Helm SVD beendete die Beiträge mit einem Vortrag über die spirituellen und theologischen Grundlagen zum Thema Flüchtlinge. Hierfür erwähnte er viele Stellen aus dem Alten und Neuen Testament. Ausgehend von Österreich und einer immer stärker werdenden fremdenfeindlichen Stimmung, soll der Christ den Mut haben aufzustehen und sich gegen diese Haltung stellen. Stellen die Ausländer eine Gefahr dar? Gibt es im Christentum Ausländer? Nein. Die christliche Kultur sollte das Leben verteidigen und die christliche Identität sollte eine Identität der Solidarität sein. Die Würde eines jeden Menschen wird nicht durch politisches Machtstreben definiert, sondern durch das Menschsein an sich als Kinder Gottes, als Ebenbild dieses einen Gottes. Schon Abraham machte sich auf dem Weg, er selbst war ein Flüchtling, fremd in einem fremden Land. Moses floh mit dem israelitischen Volk aus Ägypten, sie alle waren Flüchtlinge. Jesus war obdachlos und ein Fremder (Mt. 25,43). Die Nächstenliebe beinhaltet Gerechtigkeit, es ist ein Schritt zur bedingungslosen Liebe zu einem „Fremden“ wie im Gleichnis des barmherzigen Samariters. Wir sollen nicht nur unseren Nachbarn lieben, sondern auch unseren „fremden“ Nachbarn, um diesem Ruf nach Gerechtigkeit zu folgen und die Würde des Menschen wiederzuerlangen. Eine Einheit in Verschiedenheit ist möglich, denn wir sind Einer in Christus (Gal. 3,28), sodass ein interreligöser und interkultureller, ja transkultureller Dialog möglich ist, um das Miteinander zu fördern.

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