Die e-mail eines Bekannten macht mich nachdenklich, wirft eine der wesentlichen Fragen auf: Traegt meine Arbeit hier nicht dazu bei, den Satus Quo, den eines Fluechtlingslager aufrechtzuerhalten? Widerspricht meine Taetigkeit hier in Kakuma nicht der Hoffnung, dass eines Tages kein Mensch mehr fluechten muss? Sollte ich mich, sollten NGO’s sich nicht viel mehr dort engagieren und intervenieren, wo Fluechtlinge “gemacht” werden, in Buergerkriegsgebieten wie in Somalia, in oelreichen Konfliktzonen wie Abyei, Sudan, dort, lautstark meine Stimme zu erheben, wo mit Waffenhandel viel Geld zu verdienen ist, wo starke oder mangelnde internationale “Interessen” Kriege und gewaltsame Auseinandersetzungen anheizen, sollten wir nicht all das anprangern, anstatt Fluechtlingslager als Symtom-bekaempfung aufrechtzuerhalten?

Auftanz von neu angekommenen, jungen Fluechtlingen aus Sued- Sudan, 2011
Ja, diesen Aufschrei, das “Fuer-sprechen”, Advocacy, muss es geben, verstaerkt und viel lauter noch, Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Unterdrueckungsmechanismen muessen aufgedeckt werden, um Wege zur Konfliktloesung zu finden, nie einfach (historisch gewachsene Konflikte und Altlasten, kulturelle Gegebenheiten, international Verstrickungen…), voller Gefahr, selbst Opfer und zwischen uebermaechtigen Playern zerrieben zu werden, die Verantwortung aller, ziemlich herausfordernd und komplex…
Und, nein: Auch wenn meine Arbeit neue Abhaengigkeiten hervorbringt, “nur” Symptome bekaempft, Fluechtlingslager wie Kakuma sind eine Tat-Sache/Lebens-Realitaet, und Menschen, vertrieben, gefoltert vergewaltigt, angeschossen, auf der Flucht finden hier momentan einen relativ sicheren Ort, Wunden koennen behandelt, Unfassbares kann langsam begriffen und ev. angesprochen werden, Menschen koennen ausrasten von naechtelangen Gewaltmaerschen, manche finden FreundInnen hier, knuepfen neue Beziehungen, versuchen, an Schule oder Ausbildungen anzuknuepfen, koennen schlafen, weil naechtens keine Schuesse zu hoeren sind, koennen noch lebende Angehoerige wiederfinden, koennen nachdenken ueber Faktoren und eigene Verstrickung, die zu ihrer Vertreibung gefuehrt haben und ueber moegliche Loesungen diskutieren… Und diesen Ort, Orte wie Kakuma, gilt es human und so hoffnungs- und sinnvoll wie moeglich zu gestalten, auch das ist ziemlich herausfordernd…

Fluechtlinge, Turkana und Hund im Somali Market, Kakuma Refugee Camp 2011
Eingeladen von Hamdi, Lead-Trainerin und Mental Health Assistant, geboren als Fluechtling, seit 18 Jahren in Kakuma, fliessend Somali, Turkana, Amaric, Swahili, Kikuju, Englisch…sprechend. Mit einem wunderbaren Laecheln auf ihren Lippen und voller Leichtigkeit serviert sie meiner Kollegin und mir aethiopischen Kaffee, 3 Tassen starken Kaffees fordert das Ritual. Der mit Blech gedeckte halboffene Raum aus Lehmziegeln ist warm und von Weihrauch auf Hozkohlen, ein unerlaesslicher Begleiter zum Kaffee, nebelverhangen, warmes Popcorn und frisch gebackener Kuchen ist vorbereitet, auch das obligatorische 0,5l “Soda”, Limonade, wird angeboten, ich nehme die mit Ingwergeschmack (real ginger/Swahili: “Tangawizi”-real health, weiss der Slogan!), wir diskutieren ueber Vorteile eines “community based” Projektes wie dem unseren, lassen einige Geschehnisse der vergangenen Arbeitswoche Revue passieren: Besuchten neu angekommene Fluechtlinge (ca. 1500 jede Woche derzeit, v.a. Somalis), um sie ueber JRS Services zu informieren, luden zu Elterntreffen in allen 3 Centers zum Thema “carer’s stress and coping”, arbeiteten an Berichten zum “Mid-Year-Report 2011” und dann erzaehlt Hamdi von Freiheit, Abhaengigkeiten, Hoffnungen und Heimat:
Where is home?
I am a 20 year old Ethiopian refugee woman. I was living in Kakuma Refugee Camp for the past 18 years together with my family. My parents were forced to flee their homeland 20 years ago. The time of their flight my mother was pregnant with me and she always tells me that it is not clear if I was born in Ethiopia or already in Kenya. When we came in 1993, my family and I were amongst the first people arriving in Kakuma Refugee Camp.
For 18 years my family and I are given the basics to survive in the camp: shelter, food, water, security. The price for this support is that, somehow, I am not able to decide on my own many things in my life. NGOs take care. UNHCR decides where to go. I don’t know what will happen with my life or if there is a chance to be resettled to a third country. Sometimes I’m struggling with this uncertainty, sometimes I lose hope that this could happen, sometimes I want to give in to being a refugee who cannot decide freely where to go. But if one day I leave the camp, I want to be able to decide about my future.
Having spent almost all my life here in Kakuma, I am not sure which place I should call home and which country I should call my homeland. All I know about my home country is what my parents tell me. I don’t have my own memories. It feels like Ethiopia is my homeland and Kakuma Refugee Camp is my home.
2 years back I started working with JRS as a Mental Health Care Assistant. Through this work I gained a lot of knowledge about people with disability and mental illness. It is a constant source of hope to find myself capable to support some of my most vulnerable refugee fellows. I really enjoy working with them.
Some questions I always ask myself: What will happen in my life in the next years? Will anything change soon? What would be the impact on my life if I was called to go for resettlement? Would there be a better future somewhere else? Since I remember life hasn’t changed much in the camp, it seems that I live just in the same way that I have always lived here, as a refugee, born as a refugee, struggling with limited ability and rights to make decisions about my future, waiting for somewhere to move on for so many years, not at home and at home at the same time.
I think everywhere I go I will always be reminded that I am a refugee.
“East or west, home is the best.” I like this rhyme.

Kakuma - footwear 2011
Ein JRS-Leitspruch, der bestaendig auftaucht, der sich durchzieht hat in vielem, was wir hier versuchen, der mich immer wieder antreibt, beinhaltet Herausforderung und auch grosse Hoffnung: JRS (www.jrs.net) will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).
Ein intensives, dichtes, lehrreiches, hartes, frustrierendes, herausforderndes, Grenzen sprengendes, schweisstreibendes, erlebnisreiches, buntes, karges, trauriges, starkes… Jahr hier in Kakuma neigt sich. Ich breche wieder auf, merke wie es zieht und schmerzt in mir, lasse ich doch FreundInnen zurueck, habe ich doch Heimat gefunden, spuere aber auch die Freude und Dankbarkeit in mir ueber soviele kostbare Erfahrungen und Begegnungen, ueber gemeinsames Lachen und Traeumen von einer Welt ohne Fluechtlinge, staunend ueber die Vielfalt und die grosse Hoffnung trotz allem. Und heimkommen koennen, ein Passbesitzer, ein Staatsbuerger und kein Fluechtling sein, von Familie und FreundInnen erwartet warden, auch das fuehlt sich ziemlich gut an!
Achievements and gaps:
10 Runden um den UNHCR-Bereich zu laufen habe ich nicht geschafft , dafuer 8, und meine mp3 Sammlung ostafrikanischer Hits (Dinka-Rap trifft arabischen Nordsudan, 2005, mit dem Titel “Ceasefire” unter http://www.youtube.com/watch?v=g7GkOK_-OhU&feature=related) wuchs stetig, von Skorpionen bin ich nicht, dafuer von Mosquitos umso haeufiger gestochen worden, habe keine Nacht im eigentlichen Lager geschlafen, dafuer Tag-taeglich mit Fluechtlingen gearbeitet, gesprochen, gelacht; “Agent of virtue” landet auf dem 1. Platz, “agent of change” ist auch am Stockerl und finde ich by far besser als “Missionar”, obwohl eine “mission haben” wiederum nicht so schlecht klingt, wenn auch etwas militant, also doch “Gutmensch”?

"Agent of virtue" auf der Suche nach nachhaltigen Loesungen 2011
Nochmals: In Gespraechen mit KollegInnen und Fluechtlingen diskutieren wir immer wieder unsere Rolle als HelferInnen und die Sinnhaftigkeit dessen, was wir hier in Kakuma tun, was wir zum Besseren veraendern wollen, wie wir uns einsetzen. Simone Lindorfer schreibt dazu: “Nach ueber 11 Jahren beruflicher Erfahrung mit dem Thema “Trauma” in unterschiedlichen Kontexten bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass es – vielleicht ohnehin nirgends im Leben – keinen sicheren Ort professioneller Unschuld gibt. Wer interveniert, wer sich engagiert, riskiert Fehler, blinde Flecken und Scheitern. In meiner Arbeit in den verschiedenen (…) Kontexten halte ich deshalb mittlerweile regelmaessige professionelle Krisen, Infragestellungen und Zweifel am Sinn und Unsinn dessen, was ich tue, fuer einen Indikator psychischer Gesundheit und geistiger Wachheit.” (Zitiert nach: Lindorfer, Simone: Politische Traumaarbeit: Befreiungspsychologische Ansaetze in Krisengebiete (am Beispiel Zentralafrika), unter: http://www.berghof-handbook.net , 20.2.2011)
Finally: Wahrhaft historischer(!!) Tag nicht nur fuer viele Fluechtlinge hier in Kakuma, sondern fuer die ganze Region Ostafrika und darueber hinaus: Die Unabhaengigkeit des neuen Staates Suedsudan tritt mit Samstag 9.7.11 in Kraft. Ein weiterer Schritt in Richtung Frieden!? Inshallah! (http://www.irinnews.org/Country.aspx?Country=SD)

Turkana - Frau schaut in Richtung Sued-Sudan, 2011
Und: Danke fuer Deine/Ihre/Eure Gedanken, Gebete, fuer finanzielle und spirituelle Unterstuetzung, fuer e-mails, Telefonate, Ideen, Initiativen, Fragen, Antworten, fuer Begleitung, mit-gehen/-denken und Interesse! Und: Naechstes Jahr in Jerusalem (oder Innsbruck)!
Peter Hochrainer
PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:
Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”
PSK KontoNr.: 7086 326
BLZ: 60 000
BIC: OPSKATWW
IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326
Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”
Asante! Danke!