Sag beim Abschied leise Servus!

Ganz so leise wie gewollt ist es mir der Abschied nicht gelungen. Natürlich hat es für Unruhe gesorgt, als bekannt wurde, dass der Doktor wieder geht. Das Krankenhaus hat für mich eine Abschiedsparty organisiert, und das war aber nicht die einzige Feier, die ich besuchen musste/durfte.  

Gegen Ende hin wurde die Zeit immer knapper, Weiterlesen

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Im Land, wo Milch und Honig winken!

Seit meinem letzten Blogeintrag ist nun schon wieder einige Zeit vergangen. Die Temperaturen sind kräftig gestiegen, heute hatte es 36 Grad bei 5% Luftfeuchtigkeit, die warme Kleidung ist schon wieder verstaut.

Die Zeit geht dahin, und je mehr Routine einkehrt, desto mehr frage ich mich später, ja was habe ich eigentlich gemacht? Mein typischer Tag sieht so aus, dass ich morgens um 8 ins Krankenhaus gehe. Als erstes mache ich meine „doctor´s round“, also Visite, schau die Patienten an, verordne Medikamente, ab und zu ein kleiner Eingriff. Anschließend gehe ich ins OPD (out patient departement, also Ambulanz), wo ich diejenigen Patienten sehe, die mir die Schwestern weiterschicken. Weiterlesen

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Goodbye Kakuma!

Die e-mail eines Bekannten macht mich nachdenklich, wirft eine der wesentlichen Fragen auf: Traegt meine Arbeit hier nicht dazu bei, den Satus Quo, den eines Fluechtlingslager aufrechtzuerhalten? Widerspricht meine Taetigkeit hier in Kakuma nicht der Hoffnung, dass eines Tages kein Mensch mehr fluechten muss? Sollte ich mich, sollten NGO’s sich nicht viel mehr dort engagieren und intervenieren, wo Fluechtlinge “gemacht” werden, in Buergerkriegsgebieten wie in Somalia, in oelreichen Konfliktzonen wie Abyei, Sudan, dort, lautstark meine Stimme zu erheben, wo mit Waffenhandel viel Geld zu verdienen ist, wo starke oder mangelnde internationale “Interessen” Kriege und gewaltsame Auseinandersetzungen anheizen, sollten wir nicht all das anprangern, anstatt Fluechtlingslager als Symtom-bekaempfung aufrechtzuerhalten?

Auftanz von neu angekommenen, jungen Fluechtlingen aus Sued- Sudan, 2011

Ja, diesen Aufschrei, das “Fuer-sprechen”, Advocacy, muss es geben, verstaerkt und viel lauter noch, Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Unterdrueckungsmechanismen muessen aufgedeckt werden, um Wege zur Konfliktloesung zu finden, nie einfach (historisch gewachsene Konflikte und Altlasten, kulturelle Gegebenheiten, international Verstrickungen…), voller Gefahr, selbst Opfer und zwischen uebermaechtigen Playern zerrieben zu werden, die Verantwortung aller, ziemlich herausfordernd und komplex…

Und, nein: Auch wenn meine Arbeit neue Abhaengigkeiten hervorbringt, “nur” Symptome bekaempft, Fluechtlingslager wie Kakuma sind eine Tat-Sache/Lebens-Realitaet, und Menschen, vertrieben, gefoltert vergewaltigt, angeschossen, auf der Flucht finden hier momentan einen relativ sicheren Ort, Wunden koennen behandelt, Unfassbares kann langsam begriffen und ev. angesprochen werden, Menschen koennen ausrasten von naechtelangen Gewaltmaerschen, manche finden FreundInnen hier, knuepfen neue Beziehungen, versuchen, an Schule oder Ausbildungen anzuknuepfen, koennen schlafen, weil naechtens keine Schuesse zu hoeren sind, koennen noch lebende Angehoerige wiederfinden,  koennen nachdenken ueber  Faktoren und eigene Verstrickung, die zu ihrer Vertreibung gefuehrt haben und ueber moegliche Loesungen diskutieren… Und diesen Ort, Orte wie Kakuma, gilt es human und so hoffnungs- und sinnvoll wie moeglich zu gestalten, auch das ist ziemlich herausfordernd…

Fluechtlinge, Turkana und Hund im Somali Market, Kakuma Refugee Camp 2011

Eingeladen von Hamdi, Lead-Trainerin und Mental Health Assistant, geboren als Fluechtling, seit 18 Jahren in Kakuma, fliessend Somali, Turkana, Amaric, Swahili, Kikuju, Englisch…sprechend. Mit einem wunderbaren Laecheln auf ihren Lippen und voller Leichtigkeit serviert sie meiner Kollegin und mir aethiopischen Kaffee, 3 Tassen starken Kaffees fordert das Ritual. Der mit Blech gedeckte halboffene Raum aus Lehmziegeln ist warm und von Weihrauch auf Hozkohlen, ein unerlaesslicher Begleiter zum Kaffee, nebelverhangen, warmes Popcorn und frisch gebackener Kuchen ist vorbereitet, auch das obligatorische 0,5l “Soda”, Limonade, wird angeboten, ich nehme die mit Ingwergeschmack (real ginger/Swahili: “Tangawizi”-real health, weiss der Slogan!), wir diskutieren ueber Vorteile eines “community based” Projektes wie dem unseren, lassen einige Geschehnisse der vergangenen Arbeitswoche Revue passieren: Besuchten neu angekommene Fluechtlinge (ca. 1500 jede Woche derzeit, v.a. Somalis), um sie ueber JRS Services zu informieren, luden zu Elterntreffen in allen 3 Centers zum Thema “carer’s stress and coping”, arbeiteten an Berichten zum “Mid-Year-Report 2011” und dann erzaehlt Hamdi von Freiheit, Abhaengigkeiten, Hoffnungen und Heimat:

Where is home?

I am a 20 year old Ethiopian refugee woman. I was living in Kakuma Refugee Camp for the past 18 years together with my family. My parents were forced to flee their homeland 20 years ago. The time of their flight my mother was pregnant with me and she always tells me that it is not clear if I was born in Ethiopia or already in Kenya. When we came in 1993, my family and I were amongst the first people arriving in Kakuma Refugee Camp.

For 18 years my family and I are given the basics to survive in the camp: shelter, food, water, security.  The price for this support is that, somehow, I am not able to decide on my own many things in my life. NGOs take care. UNHCR decides where to go. I don’t know what will happen with my life or if there is a chance to be resettled to a third country. Sometimes I’m struggling with this uncertainty, sometimes I lose hope that this could happen, sometimes I want to give in to being a refugee who cannot decide freely where to go. But if one day I leave the camp, I want to be able to decide about my future.

Having spent almost all my life here in Kakuma, I am not sure which place I should call home and which country I should call my homeland. All I know about my home country is what my parents tell me. I don’t have my own memories. It feels like Ethiopia is my homeland and Kakuma Refugee Camp is my home.

2 years back I started working with JRS as a Mental Health Care Assistant. Through this work I gained a lot of knowledge about people with disability and mental illness. It is a constant source of hope to find myself capable to support some of my most vulnerable refugee fellows. I really enjoy working with them.

Some questions I always ask myself: What will happen in my life in the next years? Will anything change soon? What would be the impact on my life if I was called to go for resettlement? Would there be a better future somewhere else? Since I remember life hasn’t changed much in the camp, it seems that I live just in the same way that I have always lived here, as a refugee, born as a refugee, struggling with limited ability and rights to make decisions about my future, waiting for somewhere to move on for so many years, not at home and at home at the same time.

I think everywhere I go I will always be reminded that I am a refugee.

“East or west, home is the best.” I like this rhyme.

Kakuma - footwear 2011

Ein JRS-Leitspruch, der  bestaendig auftaucht, der sich durchzieht hat in vielem, was wir hier versuchen, der mich immer wieder antreibt, beinhaltet Herausforderung und auch grosse Hoffnung: JRS (www.jrs.net) will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).

Ein intensives, dichtes, lehrreiches, hartes, frustrierendes, herausforderndes, Grenzen sprengendes, schweisstreibendes, erlebnisreiches, buntes, karges, trauriges, starkes… Jahr hier in Kakuma neigt sich. Ich breche wieder auf, merke wie es zieht und schmerzt in mir, lasse ich doch FreundInnen zurueck, habe ich doch Heimat gefunden, spuere aber auch die Freude und Dankbarkeit in mir ueber soviele kostbare Erfahrungen und Begegnungen, ueber gemeinsames Lachen und Traeumen von einer Welt ohne Fluechtlinge, staunend ueber die Vielfalt und die grosse Hoffnung trotz allem. Und heimkommen koennen, ein Passbesitzer, ein Staatsbuerger und kein Fluechtling sein, von Familie und FreundInnen erwartet warden, auch das fuehlt sich ziemlich gut an!

Achievements and gaps:

10 Runden um den UNHCR-Bereich zu laufen habe ich nicht geschafft , dafuer 8, und meine mp3 Sammlung ostafrikanischer Hits (Dinka-Rap trifft arabischen Nordsudan,  2005, mit dem Titel “Ceasefire” unter http://www.youtube.com/watch?v=g7GkOK_-OhU&feature=related) wuchs stetig, von Skorpionen bin ich nicht, dafuer von Mosquitos umso haeufiger gestochen worden, habe keine Nacht im eigentlichen Lager geschlafen, dafuer Tag-taeglich mit Fluechtlingen gearbeitet, gesprochen, gelacht; “Agent of virtue” landet auf dem 1. Platz, “agent of change” ist auch am Stockerl und finde ich by far besser als “Missionar”, obwohl eine “mission haben” wiederum nicht so schlecht klingt, wenn auch etwas militant, also doch “Gutmensch”?

"Agent of virtue" auf der Suche nach nachhaltigen Loesungen 2011

Nochmals: In Gespraechen mit KollegInnen und Fluechtlingen diskutieren wir immer wieder unsere Rolle als HelferInnen und die Sinnhaftigkeit dessen, was wir hier in Kakuma tun, was wir zum Besseren veraendern wollen, wie wir uns einsetzen. Simone Lindorfer schreibt dazu: “Nach ueber 11 Jahren beruflicher Erfahrung mit dem Thema “Trauma” in unterschiedlichen Kontexten bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass es – vielleicht ohnehin nirgends im Leben – keinen sicheren Ort professioneller Unschuld gibt. Wer interveniert, wer sich engagiert, riskiert Fehler, blinde Flecken und Scheitern. In meiner Arbeit in den verschiedenen (…) Kontexten halte ich deshalb mittlerweile regelmaessige professionelle Krisen, Infragestellungen und Zweifel am Sinn und Unsinn dessen, was ich tue, fuer einen Indikator psychischer Gesundheit und geistiger Wachheit.” (Zitiert nach: Lindorfer, Simone: Politische Traumaarbeit: Befreiungspsychologische Ansaetze in Krisengebiete (am Beispiel Zentralafrika), unter: http://www.berghof-handbook.net , 20.2.2011)

Finally: Wahrhaft historischer(!!) Tag nicht nur fuer viele Fluechtlinge hier in Kakuma, sondern fuer die ganze Region Ostafrika und darueber hinaus: Die Unabhaengigkeit des neuen Staates Suedsudan tritt mit Samstag 9.7.11 in Kraft. Ein weiterer Schritt in Richtung Frieden!? Inshallah! (http://www.irinnews.org/Country.aspx?Country=SD)

Turkana - Frau schaut in Richtung Sued-Sudan, 2011

Und: Danke fuer Deine/Ihre/Eure Gedanken, Gebete, fuer finanzielle und spirituelle Unterstuetzung, fuer e-mails, Telefonate, Ideen, Initiativen, Fragen, Antworten, fuer Begleitung, mit-gehen/-denken und Interesse! Und: Naechstes Jahr in Jerusalem (oder Innsbruck)!

Peter Hochrainer

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”
PSK KontoNr.: 7086 326
BLZ: 60 000
BIC: OPSKATWW
IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326
Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Asante! Danke!

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Winter in Simbabwe

Nach fast 2 Monaten ist es wieder Zeit, etwas aus der Rupert Mayer Mission zu berichten. Wir haben jetzt Winter, das heißt die Nächte sind empfindlich kalt (bis zu 0 Grad), die Häuser schlecht isoliert, so dass ich schon öfters aufgewacht bin, weil mir so kalt war. Ich schlafe mit Skiunterwäsche und Fleecejacke Weiterlesen

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Was ist Dein Afrika?

Mein Afrika?

Kakuma, Nordwest-Kenya, weisse UN-Fahrzeuge, Jeeps vornehmlich, einige LKWs und PKWs, der ein oder andere Bus und 2mal pro Woche ein Flugzeug, ansonsten viele Fahr- und Motorraeder.

Fahrradtaxilenker

Reis, Oel und Mais aus den USA, World Food Programme, leere, aufgeschnittne Oeldosen zieren Daecher von einigen Hausern im Fluechlingslager, es ist heiss und regnet kaum.

Njera (aethiopische Leibspeise, in einigen “hotels” im Fluechtlingslager erhaeltlich) liegt ausnahmsweise schwer im Magen, gewinnen am Ende doch boese Bakterien die Oberhand und ein verzehrendes tropischens Fieber oder ungebetene intestinale BewohnerInnen sind zu befuerchten?

nach Wasser graben

Sonnenuntergaenge selten riesig und rot ueber der Halbwuestenlandschaft, manchmal unspektakulaer gelb oder hinter Wolken oder milchig, und ausser Kamelen, Eseln und Ziegen gibt es zumindest hier rund um Kakuma nicht viele andere grosse Tiere, schon gar keine “Big Five”, allerdings schimmert und blinkt jede Menge Plastikmuell schoen im Abendlicht.

afrikanische Sonne

In 4 Camp-Schulen zu Gast letzte Woche, mit ueber 200 SchuelerInnen ueber Behinderung und Schwierigkeiten im Lager diskutiert. In der Shambe-Schule faehrt mir Michael, ein gehbehinderter Fluechtling, ueber den Weg, Lehrer dort und auch Student im JRS-Arrupe learning center (e-distance-learning,  Kooperation mit US-amerikanischen Unis). Ich lade ihn ein und er erzaehlt in wenigen, kraftvollen Worten, was es fuer ihn bedeutet, Fluechtling und gehbehindert zu sein, von seiner Flucht aus dem Sudan mit Hilfe und am Ruecken von Freunden, von vielen Kaempfen und Rueckschlaegen, gehoert und akzeptiert zu werden und jetzt von seinen Erfolgen, als Lehrer und als einer der ganz wenigen Studierenden hier in Kakuma, offene, staunende Muender ringsum…

Waehrend eines 3 taegigen Seminars zum Thema Depression fuer einige Fluechtlinge, mit denen ich arbeite: Wie koennen wir nun zwischen Depression und evil spirit (boesem Geist/Besessenheit) unterscheiden? Ich schlucke… und muss die Frage wiederum unbeantwortet lassen, nicht zum 1. Mal. Mein ganz und gar unbekanntes, dunkles, bedrohlich-primitives Afrika? Hl. Geist also gut und boese Geister = psychische Krankheiten und “personal evil” in Menschen wie Hitler, Bin Laden… eine Frage der freien menschlichen Entscheidung wider das Gute? Und was ist mit Ahnenkult und dem Einfluss unserer Vorfahren? Sind unaufgeloeste Konflikte in der Vergangenheit, in frueheren Generationen, nicht anerkannte Ausgangspunkte und Risiken fuer psychosomatische Krankheiten, psychische Krisen…? Nur Wortspiele oder ist alles viel einfacher oder komplizierter? Ein Kontinent von Fragen tut sich auf in mir…

Taeglich kommen neue Fluechltinge in Kakuma an, aus Somalia, aus Uganda, aus der Demokratischen Republik Congo… Habe vieles gelernt, und weiss oft so wenig.  Ein Heimischer soll weiter schreiben:

How to write about Africa?

Always use the word ‘Africa’ or ‘Darkness’ or ‘Safari’ in your title. Subtitles may include the words ‘Zanzibar’, ‘Masai’, ‘Zulu’, ‘Zambezi’, ‘Congo’, ‘Nile’, ‘Big’, ‘Sky’, ‘Shadow’, ‘Drum’, ‘Sun’ or ‘Bygone’. Also useful are words such as ‘Guerrillas’, ‘Timeless’, ‘Primordial’ and ‘Tribal’.

(…) In your text, treat Africa as if it were one country. It is hot and dusty with rolling grasslands and huge herds of animals and tall, thin people who are starving. Or it is hot and steamy with very short people who eat primates. Don’t get bogged down with precise descriptions. Africa is big: fifty-four countries, 900 million people who are too busy starving and dying and warring and emigrating to read your book. The continent is full of deserts, jungles, highlands, savannahs and many other things, but your reader doesn’t care about all that, so keep your descriptions romantic and evocative and unparticular.

(…)Describe, in detail, naked breasts (young, old, conservative, recently raped, big, small) or mutilated genitals, or enhanced genitals. Or any kind of genitals. And dead bodies. Or, better, naked dead bodies. And especially rotting naked dead bodies. Remember, any work you submit in which people look filthy and miserable will be referred to as the ‘real Africa’, and you want that on your dust jacket. Do not feel queasy about this: you are trying to help them to get aid from the West. The biggest taboo in writing about Africa is to describe or show dead or suffering white people.

(…)Always end your book with Nelson Mandela saying something about rainbows or renaissances. Because you care.

Binyavanga Wainaina (lives in Nairobi, Kenya. He is the founding editor of the literary magazine Kwani? and won the Caine Prize for African Writing in 2002. His writing has also appeared in the New York Times, the Guardian, and National Geographic. Ungekuerzte Fassung unter: http://www.granta.com/Magazine/92/How-to-Write-about-Africa/Page-1 (14.5.2011)

Turkana-Huette in Kakuma

Mein Afrika hier in Kakuma: Zu viele Eindruecke und manchmal auch dasselbe, Alltag, immer wieder Neues entdecken, manches unendlich fremd und unverstaendlich, manchmal Heimat, und nur ein kleiner Flecken Erde im Osten eines riesigen unbekannten Kontinents, dann ein Fluechtlingslager voller Menschen aus ganz Ostafrika, die ihre so unterschiedlichen Geschichten und Kulturen mitbringen, Bilder, Vorurteile, Vereinfachungen machen manches begreifbar, begrenzt ist mein Fassungsvermoegen, mein Afrika viel groesser und kleiner als in Wirklichkeit…

“In truth Africa is far less homogenous – geographically, culturally, religiously and politically – than Europe or the Americans. South Africa and Burkina Faso have as much in common as Spain and Uzbekistan.”

John Ryle (writer, filmmaker, anthropologist. Chair, Rift Valley Institute, research and training organization working with communities in the African Rift Valley region)

Danke fuer Begleitung, mit-gehen/-denken und Interesse!

Peter Hochrainer

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Asante! Danke!

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Auf den Hund gekommen

Seit dem 1. April bin ich nun wieder zurück in der St. Rupert´s Mission, endlich ganz offiziell als Doktor. Nun wohne ich auch im Doktorhaus, das etwas näher am Krankenhaus liegt, mit meinem neuen Mitbewohner, klein, braun und noch etwas ungezogen, aber sehr lieb. Asco:

Nach guter alter Sitte hat mich St. Rupert´s mit einem längeren Stromausfall begrüßt,  am Ostersonntag sind endlich wieder die ersten Lichter angegangen, bald darauf auch wieder die Wasserpumpen, doch nun ist es schon wieder finster, gerüchtehalber ist wieder ein Strommast umgefallen, und so eine Reparatur kann dauern. Das Ärgerlichste für mich ist, dass es ohne Strom auch kein Wasser aus den Leitungen gibt, wie es eine verwöhnte Europäerin gewohnt ist, während andere überhaupt froh sind, sauberes Wasser zu haben. Doch als Doktor Weiterlesen

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Gleichfoermigkeit und Auferstehung

Die Gleichfoermigkeit des Wetters (30-40 Grad C Hitze mit Dauer-Schweiss-Begleitung, Sonnenschein, blauem Himmel, wenigen Wolken, leichtem bis starkem Staub-wirbler-Wind, Tag fuer Tag) laesst mich vergessen auf Geburtstage, auf Feiertage, Feste, Wochentage, Monatsnamen, Jahreszeiten… Nein, ich erinnere mich an Ostern, das ist jetzt… Zugegeben: manchmal werde ich in dieser “wetterlichen” Gleichfoermigkeit sogar latent gleichgueltig. Wie immer ist das Wetter Schuld, in Tirol der Foehn, hier die Hitze und die ewige Sonne. Wetterdiskussionen in Kakuma mit optimistisch-glaeubigem Ansatz:

“Wow, it is hot today!” “Yes it is, but thanks to God it’s cooler than yesterday.” “Surely, must be that single cloud over there.”

Und dann regnet es am Karsamstag und ich stelle mich in die erfrischende Kuehle…

“Here, perhaps, we arrived at the heart of our story. How much can we ever know about the love and pain in another’s heart? How much can we hope to understand those who have suffered deeper anguish, greater deprivation and more crushing disappointments than we ourselves have known? Even if the world’s rich and powerful should ever try to put themselves into the shoes of the rest, how much would they really understand the wretched millions suffering around them? (…) How much can I (he) really see?” Aus: Orhan Pamuk: Snow. London 2004, S. 266.

Beruehrt von dieser Passage Pamuks: Wieviel verstehe ich nun wirklich vom Leben, von den Leiden, von der Liebe der Fluechltinge hier in Kakuma?

...vor den Haeusern im Camp

Ich muss zugeben, dass mich (nach wie vor) vieles trennt, ich vieles nicht verstehe und sich unsere Leben nur teilweise ueberschneiden. Ich bin (und bleibe?) der Andere, der Weisse, der mit Pass und Freiheit, der mit mehr Macht, der mit mehr Moeglichkeiten, Muzungu, einer, dem die Kinder hinterherschreien, auf den Betrunkene und BettlerInnen eher zugehen, weil sie Geld in meinen Taschen erwarten. Habe noch keine Nacht in einem Zelt oder Lehmhaus eines Fluechtlings geschlafen, kein Wasser in Plastikkanistern vom Wasserpunkt nach Hause schleppen  oder mich vor der Lebensmittelausgabe (2mal monatlich) stundenlang anstellen muessen, ich habe ein Wasserklosett  und meine eigene Dusche und eben kein Plumsklo,  das Fluechtlinge oft mit vielen anderen teilen muessen, mein Wasser ist nicht auf 20l pro Tag reduziert und ich kann meine Waesche in die Waschmaschiene werfen anstatt sie mit der Hand waschen zu muessen.

Ich sehe vieles nicht vom Leben der Fluechtlinge und sie sehen vieles nicht von meinem, die Vorhaenge der kulturellen und sprachlichen Barrieren versperren die freie Sicht, doch wagen wir gelegentlich vorsichtige Blicke, wir lernen, staunen, wollen verstehen, bleiben sprachlos, erkennen Aehnlichkeiten, verstehen nichts, verurteilen, kategorisieren, wollen begreifen, wollen nie so leben, werden beeinflusst… Wie viel sehe ich wirklich? Nur einen Teil der von mir gefilterten Wirklichkeit, wie immer…

Von Liebe und Beziehungssachen im Fluechtlingslager:

Benjamin, ein 22 jaehriger Fluechtling aus der Demokr. Republ. Congo erzaehlt: “Habe kuerzlich geheiratet. Gestern bekam meine Frau den Bescheid von UNHCR, dass sie in die USA koenne (“resettlement”). Es ist schwer, sie gehen zu lassen, und doch, es ist ihre Chance, jetzt diesen Ort verlassen zu koennen, sie hat so lange darauf gewartet… doch: wer garantiert mir, dass auch ich in die USA komme? Und wann? Und was wird alles pasieren in der Zwischenzeit, wenn wir so weit von einander entfernt wohnen? Wird sie einen anderen finden? Und wenn ich eines Tages auch in die USA kommen sollte, dann wird sie es sein, die mich in ihrem Haus empfaengt… Ahh, ich als Mann sollte doch sie willkommen heissen…”

...vor der Hochzeit

Wasche nach einem gemeinsamen Essen im Center 1 mit den Frauen Kochtoepfe. Eine unsere Mental Health Care Assistants, die 30 jaehrige Vumiliya aus Uganda ist baff:” You are the first man whom I see cleaning the saucepan.” Dann erzaehlt sie mir, dass sie 5 Kinder habe, aber kein Glueck mit den verschiedenen Vaetern, alle seien auf und davon. Sie wuerde gern 5 weitere Kinder bekommen, aber nur mit einem verlaesslichen Mann. Nun bin ich baff: Waschen eines Kochtopfs = verlaesslicher  Partner und Vater!??

... vor dem Abwasch

Highlights des Mental Health Programme, JRS-Kakuma :

Habe gerade den ersten “Quarterly Report 2011” abgeschickt, 60 (haben gegenueber Ende 2010 um fast 20 aufgestockt) MitarbeiterInnen (Fluechtlinge, trainiert in “Basic Skills Mental Health”) haben in unseren 3 Centers und in den verschiedenen Lagerteilen 288 geistig behinderte und psychisch kranke Fluechtlinge unterstuetzt, beraten, verpflegt, gefragt, gelehrt, gewaschen, besucht, massiert, verbunden, miteinbezogen in verschiedenste Aktivitaeten des taeglichen Lebens, wir haben 4 Schulen besucht und mit 204 SchuelerInnen ueber Behinderung diskutiert, wir haben 3 workshops mit 97 Eltern zum Thema “Aggression and Anger Management” veranstaltet, 87 Fluechtlinge nehmen Teil in unserem Kurs “Basic Skills in Mental Health”, der in 2 Orten ueber 3 Monate laeuft…

...vor der Massage

Bevor ich mich jetzt zur Osternacht (am Ende eines aufgrund des morgendlichen Regenschauers kuehleren Tages, ca 30 Grad C) in die Kapelle St. Stephen aufmache, um dort mit der multinationalen Fluechtlings-Gemeinde (aus dem Sudan, aus Burundi, Ruanda, aus dem Congo, aus Uganda) Auferstehung inmitten des Fluechtlingslagers (?!) zu feiern, moechte ich mich bei allen herzlich bedanken, die die Projekte von JRS-Kakuma finanziell und mich persoenlich gedanklich-spirituell/schriftlich/telephonisch… unterstuetzen und begleiten.

Asante sana! (Kiswahili fuer “Vielen Dank”)

Frohe Ostern!

Peter Hochrainer

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”
PSK KontoNr.: 7086 326
BLZ: 60 000
BIC: OPSKATWW
IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326
Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Asante! Danke!

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Japan in Kakuma, Maerz 2011

Schock ueber Ereignisse in Japan auch hier spuerbar. Erdbeben, Tsunami, so viel Verwuestung und Tod und ev. Tschernobil Neuauflage, unvorstellbar und sehr beunruhigend. Vereinzelte Traenen trocken zugegebenermassen wuestenschnell. Zu schnell? Meine Faehigkeit zum Betroffen-Sein zu klein, begrenzt… sage mir:  in Kakuma lebe ich ja auch am Puls des Leids, des Unrechts, der menschlichen Tragoedie, fast 85.000 Fluechtlinge, jeden Tag Dutzende mehr…

Auch Banales bewegt: Nach 8 Monaten Mangos, Ananas, Melonen, Passionsfrucht als wechselnde Nachspeisen-Fruechte eine interessante Einsicht: Aepfel sind in Kenya exotische Fruechte, importiert, sauteuer. Auf den Kopf gestellt…

Wetterbericht: Dauerhitze und Trockenheit in weiten Teilen des noerdlichen Kenyas, in Somalia,…alles wartet auf Regen. Dann:  Begegnung mit einem “Hitzewirbelwind”, der Sand und Staub meterhoch emporsaugt, die Augen traenen, der Wind zerrt einige Sekunden an meinen Kleidern, abwaschbare Braeune legt sich auf meine Haut, Staubgeschmack im Mund, ein Fluechtling, der neben mir auftaucht lacht: “See, this is Kakuma-Rain”.

Kuerzlich einige Artikel zum Thema Fluechtlinge und “Trauma” gelesen, bemerkenswerte Auszuege:

Der in der Arbeit mit Fluechtlingen oft bemuehte Ausdruck “Trauma” (aus dem Griechischen  fuer “Wunde”), hier selbst-definiert, erlebt und in Worte gebracht von Kriegs-Fluechtlingen: “The destruction caused by the war, the grenades, the living in tents, the cold (heat), the lack of food, the insecurity of when or whether they (we) can return, the economic situation, the legal problems, the loss of family members, the memories of torture and concentration camps, the inexistence of privacy, the rejection by the local community…”.

Und weiter: “Clearly, nobody wishes to recognize themselves in images of destruction, but traumatized persons have no choice. They can try to forget, but this never woks. The terror is part of them. So the question is not does the person wants to look at the terror, but how will a person look at this terror? Will he or she do so alone? In nightmares? Or will there be a space of sharing, of interaction with others, where death can become part of a living relationship?”

Und schliesslich: “When dealing with human suffering as a consequence of man-made disaster, we are confronting two problems: First, we have to understand the basic psychological dimensions involved and enhance the recognition of the importance of these dimensions. Second, we have to avoid a cheap psychologization of political problems and make sure that the sociopolitical aspects are not ignored, but are actively recognized and integrated into our work. In other words, when confronting trauma arising out of man-made disasters, we have to deal with the individual and the society, with the material and the spiritual aspects of life, with politics and economics, justice and psychology.” (Zitiert nach: Becker, David: Dealing with the consequences of organized violence in Trauma Work, unter: http://www.berghof-handbook.net , 20.2.2011)

In Gespraechen mit KollegInnen dikutieren wir immer wieder unsere Rolle als HelferInnen und die Sinnhaftigkeit dessen, was wir hier tun, was wir zum Besseren veraendern wollen, wie wir uns einsetzen. Simone Lindorfer schreibt dazu: “Nach ueber 11 Jahren beruflicher Erfahrung mit dem Thema “Trauma” in unterschiedlichen Kontexten bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass es – vielleicht ohnehin nirgends im Leben – keinen sicheren Ort professioneller Unschuld gibt. Wer interveniert, wer sich engagiert, riskiert Fehler, blinde Flecken und Scheitern. In meiner Arbeit in den verschiedenen (…) Kontexten halte ich deshalb mittlerweile regelmaessige professionelle Krisen, Infragestellungen und Zweifel am Sinn und Unsinn dessen, was ich tue, fuer einen Indikator psychischer Gesundheit und geistiger Wachheit.” (Zitiert nach: Lindorfer, Simone: Politische Traumaarbeit: Befreiungspsychologische Ansaetze in Krisengebiete (am Beispiel Zentralafrika), unter: http://www.berghof-handbook.net , 20.2.2011)

Erleichtert und zugleich betroffen: Ich setze mich ein fuer etwas, das gut zu sein scheint und produziere durch mein Engagement auch Negatives (z. B. neue Abhaengigkeit, Vorurteile, neue Ausgrenzung, eigenes Scheitern…)

Ich arbeite in Kakuma derzeit mit 3 Jesuiten zusammen. Dabei ist interessant, was sie unter “Mission” vertehen. Was ich hoere klingt nicht schlecht:  Dienst am Glauben und Einsatz fuer Gerechtigkeit ist keinesfalls zu trennen. Eine Grundlage ist ein Text aus der 34. Generalkongregation (=Generalversammlung ) der Jesuiten aus dem Jahr 1995: “Kein Dienst am Glauben ohne Foerderung der Gerechtigkeit, Eintritt in Kulturen, Offenheit fuer andere religioese Erfahrungen. Keine Foerderung der Gerechtigkeit ohne Glauben mitzuteilen, Kulturen umzuwandeln, mit anderen Traditionen zusammenzuarbeiten. Keine Inkulturation, ohne sich ueber den Glauben auszutauschen, mit anderen Traditionen in Dialog zu treten, sich einzusetzen fuer Gerechtigkeit. Kein Dialog ohne den Glauben mit anderen zu teilen, Kulturen zu untersuchen, Sorge zu tragen fuer Gerechtigkeit.”

Theoretisch schoen… Allerdings: die alltaeglichen “gaps” zwischen mir und meinen Gegenuebers und in mir, Vorurteile und enge Bilder verfuehren oft zu Vereinfachung…

Ein Fluechtling aus Somalia erzaehlt mir:

“In May 2010 my wife passed away and left me five children, all underage. I am at 64 years old and have no other person who can take care of them if today I pass away.
I am a member of the Somali oppressed society known as the Midgan, which means “impure”.  Our people have no particular town, religion or even a small village for their own interest. We are not allowed to attend or participate in the governmental high positions, we are only allowed sweeping, shoe-making, barbering, etc. Some people only live on begging.
We are not allowed to marry someone from the other tribes. If one of us attempts to marry one of the other people, he is shouted at or sent to jail without sentence. Our people are discriminated against and live under restrictions, and have remained in that situation for centuries in my home country Somalia.
I came to Kakuma refugee camp in 2008 after working in Mogadishu. Once I was here I thought: ‘Where can I go to increase my knowledge?’ Then I heard of JRS. In August 2009 I started working with JRS. I attended training courses and worked three to four months as a volunteer. Then I was interviewed and became a staff member. Now I am a counsellor, working with people with disabilities and emotional distress.
The work energises me, I have a keen interest and I am good at what I do. I like working with people with disabilities. I make friends with them, I drink tea with them. I work and I become free. But I can’t forget about the problem of caring for my children.”

Sign-Language im JRS Day Care Center 2

Alphabet

Gospelsong im JRS Day Care Center 2

Englisch - Kiswahili

Alphabet 2

Gut zu hoeren, zu erleben, dass unsere Arbeit hier auch Hoffnung gibt, Perspektiven eroeffnet, Menschen Kraft und und Sinn gibt. Nochmals und immer wieder: die Gleichzeitigkeit von Gegensaetzen: “Wer interveniert, wer sich engagiert, riskiert Fehler, blinde Flecken und Scheitern.” Und: Waere Nicht-Engagement besser? Die Diskussion geht weiter!

Danke fuer Eure gedankliche, spirituelle, finanzielle Unterstuetzung!

Kwa herini! Segen/Gutes fuer Euch!

Peter Hochrainer

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”
PSK KontoNr.: 7086 326
BLZ: 60 000
BIC: OPSKATWW
IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326
Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”
Asante! Danke!

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“Eingelebt”

Inzwischen bin ich schon seit sechs Monaten in Haiti. Damit nicht nur Katastrophenmeldungen über die Medien nach Europa gelangen, möchte ich mich auch wieder einmal bei Euch melden.

Was ist seit meinem letzten Rundmail alles passiert? Von Wirbelsturm, Cholera, Wahlfarce usw. habt ihr ja wahrscheinlich alle gehört. Auch bei mir hat sich einiges getan, ich habe viel er- und mich ein Stück mehr hier eingelebt.

Ich wohne immer noch gemeinsam mit den beiden Schwestern, die erst seit diesem Jahr für fünf Schulen von Foi&Joie1 in der Region zuständig sind, im Gästehaus der Jesuiten am Stadtrand von Ouanaminthe und arbeite in Bédou, einer kleinen „Gemeinde“ noch weiter außerhalb, mitten im Nirgendwo. Die Bauarbeiten für unser Haus sind bisher genauso wenig sichtbar wie das versprochene Auto, mit dem wir täglich nach Bédou bzw. die Schwestern auch in die anderen Schulen fahren sollten. Statt dessen müssen wir Motorrad-Taxis nehmen, die viel Geld kosten und auf den schlechten Wegen ziemlich gefährlich sind. Es gab schon einige Stürze und auch Verletzungen. Im Dezember waren nach ein paar Regentagen die Sandpisten mit allen Fahrzeugen unpassierbar. Ein Leitspruch von Foi&Joie lautet: „…beginnt dort, wo der Asphalt aufhört“, dafür ist Bédou ein wunderbares Beispiel.

In der Woche vor Weihnachten haben wir die Abschlussprüfungen für das erste Trimester abgehalten. Das ernüchternde Ergebnis war, dass aus sechs Klassen etwa fünf SchülerInnen positiv abgeschlossen haben. Um das zu ändern, wird von den Schwestern seither viel Druck auf die Kinder ausgeübt. Auch LehrerInnen-Fortbildungen stehen immer wieder am Programm. Foi&Joie schickt uns zu diesem Zweck für zwei Monate einen professionellen Mitarbeiter aus Guatemala. Ich bin gespannt, ob sich die Unterrichtsqualität so schnell verbessern lässt. Viele der Schwierigkeiten liegen meiner Meinung nach im Lernsystem: die Kinder werden darauf hin getrimmt, (groß teils völlig nichtssagende) Sätze auswendig zu lernen und bei der Prüfung auf zusagen. Da die Unterrichtssprache eigentlich Französisch sein sollte, sind die Sätze auch auf Französisch, ob nun jemand den Sinn versteht oder nicht. Die Klassengrößen machen die Lernerfahrung auch nicht einfacher. Man hat oft das Gefühl, dass die wenigsten SchülerInnen etwas mitbekommen. Ich halte in der zweiten Klasse „französische Kommunikation“ und merke dabei, wie schwierig es ist, 60 Kinder unter Kontrolle zu haben und auch noch dafür zu sorgen, dass dabei alle etwas lernen.

Mit den ErstklasslerInnen arbeite ich an drei Vormittagen pro Woche. Ich hole sie einzeln aus der Klasse, teste ihre Lesefähigkeiten und übe dort, wo Defizite sind. Manche machen Fortschritte, andere haben größere Schwierigkeiten und bräuchten dringend jemanden, der täglich mit ihnen übt. Dazu sind aber die meisten Eltern nicht fähig oder sie sehen die Wichtigkeit und den Nutzen von Bildung einfach nicht. Da die Schule erst seit vier Jahren existiert (davor hat es in der ganzen Umgebung weder eine Schule noch eine Straße gegeben) können die wenigsten Eltern selbst lesen und schreiben.

Auch in den höheren Klassen sind die Fähigkeiten leider nicht viel besser. Einer der Gründe dafür ist das fehlende Material. Kaum jemand hat selber Hefte oder Schulbücher, geschweige denn andere Bücher. Deshalb würden wir gerne in der Schule eine kleine Bibliothek einrichten, damit die Kinder im und außerhalb des Unterrichts Lesen üben können.

Die älteren Mädchen (ab ca. 10) waren alle von der Idee begeistert, an Gruppenstunden teilzunehmen. Also habe ich sie in drei Gruppen eingeteilt und wir treffen uns jeweils an einem anderen Tag nach der Schule. Eigentlich wollte ich bei der Gestaltung aus meinem mk-Repertoire schöpfen, aber leider ist das Niveau hier doch deutlich niedriger, sodass die Anleitung zum Himmel-oder-Hölle-Falten schon leicht zwei Stunden in Anspruch nehmen kann. Entscheidend ist aber, dass sich die Mädchen, wenn sie unter sich sind, viel offener und selbstbewusster geben als im Unterricht.

Im Kindergarten verbringe ich zwei Vormittage pro Woche. Viele Kinder sind inzwischen schon aufgeweckter, aber einige immer noch sehr lethargisch. Die Kindergärtnerinnen bemühen sich nicht darum, dass alle bei den Aktivitäten mit machen, sondern lassen die, die keine Lust haben, einfach daneben schlafen. Eines meiner größten Erfolgserlebnisse bisher war, einen Dreijährigen, der vier Monate lang nur stumm in der Ecke gesessen ist, zum Reden gebracht zu haben.

Inzwischen haben wir von der Organisation, die eigentlich eine tägliche Mahlzeit für die ganze Schule sicher stellen sollte, immerhin eine Lieferung Reis und Bohnen erhalten und konnten so die Kantine für zwei Wochen in Betrieb nehmen. Um den Kindern für die andere Zeit etwas Gesünderes als Lutscher und Knabberzeug anzubieten, verkaufe ich in der Schule „Mayi-ji“, eine Mischung aus geriebenen Erdnüssen, Mais, Sesam, Zucker und Salz. Der Erlös kommt der Kantine zugute. Außerdem profitiert davon eine Gruppe von Frauen in einem anderen Dorf, die die beliebte Jause herstellt und dadurch wiederum ihre Kinder in die Schule schicken kann.

Auch außerhalb der Schule gibt es kleinere und größere Projekte: In der Gemeinde halte ich seit Anfang November zwei Mal pro Woche einen Englisch-Kurs. Die Niveaus sind gleich weit gestreut wie die Altersstufen und auch hier zeigt sich das Schulsystem deutlich: Man kann sieben Jahre lang Englisch-Unterricht genossen und alle Prüfungen bestanden haben ohne jemals ein englisches Wort laut ausgesprochen zu haben.

Wegen häufiger Nachfrage biete ich ab demnächst auch einen Französisch-Kurs für die Gemeinde an.

Schon seit Beginn des Schuljahres haben wir immer wieder mit den Menschen in Bédou gesprochen, bei Elternversammlungen und auch bei persönlichen Besuchen in ihren Hütten. Wir haben sie gefragt, was sie sich wünschen würden und überlegt, wie wir ihnen dabei helfen könnten. Was uns auch oft aufgefallen ist: kaum eine Frau hat eine Ausbildung, die wenigsten haben je eine Schule besucht und sie bekommen früh und viele Kinder. Mit Hilfe der Spendengelder sind wir dabei, so etwas wie ein „Lernzentrum“ für die Frauen einzurichten. Wir haben bereits über 20 Anmeldungen von Interessentinnen, die Lesen, Schreiben und Nähen lernen wollen. Zuerst wird ein Alphabetisierungslehrer MultiplikatorInnen ausbilden. Die sollen dann wiederum über einen längeren Zeitraum mit den Frauen arbeiten. Parallel dazu wird eine professionelle Näherin mit denjenigen eine Ausbildung beginnen, die bereits lesen und schreiben können. Nähmaschinen und diverses Material sind bereits angeschafft, die Frauen wirken sehr motiviert, das Projekt kann also starten!

Eure Nini

“Menschen für andere – Jesuitenaktion” PSK KtoNr.: 7086 326, BLZ: 60 000 (BIC: OPSKATWW; IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326) Verwendungszweck „Nini Haiti“

1Foi&Joie bzw. Fe y Alegrìa ist eine von Jesuiten gegründete und geleitete Bewegung, die in ganz Lateinamerika Schulen für die Ärmsten der Armen betreibt.

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In Chinhoyi

Jetzt bin ich zwar schon seit fast 5 Monaten in Simbabwe, aber noch immer bin ich sozusagen in der Vorbereitungsphase für meinen eigentlichen Einsatzort. Wie ich gestern erfahren habe, wird mein Krankenhaus Weiterlesen

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